5. Februar 2023 hghoyer

Wie ehrliches Mitteilen mein Leben zerstört hat

Etwas in mir versuchte alles, um meine Teilnahme zu vereiteln. Ich aß an dem Tag etwas Schlechtes, hatte Bauchschmerzen und überlegte, nicht hinzugehen. Diesem Drang konnte ich widerstehen, doch dann verpasste ich meinen Zug! Wenn ich jetzt noch eine Chance haben wollte, teilzunehmen, musste ich mein Fahrrad mit in den nächsten Zug nehmen, um schnell vom Bahnhof zum Yogazentrum zu gelangen, in dem es stattfinden sollte.

Wenn ich mich an meine Anfänge mit dem Ehrlichen Mitteilen zurückerinnere, wirkt das auf mich wie aus grauer Vorzeit. Damals gab es noch keine Telegram-Gruppen dazu, niemand praktizierte Ehrliches Mitteilen über Zoom und auch die App und die Herzchenkarte waren noch nicht online. Ich hatte beschlossen, dieses ominöse Ehrliche Mitteilen auszuprobieren, und alles, was ich vorfand, war eine Mailadresse einer Frau aus einer benachbarten Stadt. Ich nahm Kontakt zu ihr auf und erfuhr, dass die Treffen ein Mal pro Monat stattfanden. Die Termine passten aber nicht, dachte mein Kopf, oder war mein System noch nicht bereit? In meinen alten Mails sehe ich gerade: Exakt auf den Tag genau ein Jahr nach meiner ersten Mailanfrage an sie fand das Gruppentreffen statt, das meinen ersten Kontakt mit dem Ehrlichen Mitteilen bedeuten sollte. Es hatte offenbar ein Jahr gedauert bis mein System bereit war! Und auch jetzt war es noch in Höllenaufruhr. Etwas in mir versuchte alles, um meine Teilnahme zu vereiteln. Ich aß an dem Tag etwas Schlechtes, hatte Bauchschmerzen und überlegte, nicht hinzugehen. Diesem Drang konnte ich widerstehen, doch dann verpasste ich meinen Zug! Wenn ich jetzt noch eine Chance haben wollte teilzunehmen, musste ich mein Fahrrad mit in den nächsten Zug nehmen, um schnell vom Bahnhof zum Yogazentrum zu gelangen, in dem es stattfinden sollte. Ich tat das, war schon irre gestresst, raste wie auf der Flucht mit dem Rad durch die Stadt, kam völlig außer Puste, schwitzend und voller Scham und Schuldgefühle einige Minuten zu spät im Yogazentrum an. Immerhin hatte ich mein System überlistet und war da – natürlich als Letzter.

Die Regeln des Ehrlichen Mitteilens waren damals noch nicht so klar formuliert und es ging weniger streng zu als so, wie ich es heute kenne und schätze. Wir hielten uns nicht einmal an feste Redezeiten, es war eher eine Art Level 3 zu fünft. Im Rückblick wundere ich mich, dass es nicht drunter und drüber ging, doch der Effekt war für mich phänomenal! Ich erinnere mich noch, dass ich danach dachte: „Am liebsten würde ich jetzt mit allen Teilnehmern in den Urlaub fahren.“ Mein System hatte offenbar eine ebenso intensive Sehnsucht nach echtem Kontakt gehabt wie Widerstand dagegen – und diese Sehnsucht war hier gestillt worden. Der einzige andere Mann in der Gruppe ist mir bis heute ein guter Freund geblieben.

Da ich kurz darauf meine allwinterliche Flucht aus Deutschland antrat, blieb dies zunächst mein einziger Kontakt mit dieser Gruppe, doch ich hatte Blut geleckt und konnte mit meiner Begeisterung für Ehrliches Mitteilen meine Freunde in Indien anstecken. Die Gruppenerfahrungen dort waren auf ganz andere Weise intensiv, wozu sicherlich die Tatsache beitrug, dass wir uns an einem der stärksten Kraftorte der Erde befanden.

Ehrliches Mitteilen als neuer Kraftort

Wir begannen zu dritt, wuchsen aber schnell, und nach kurzer Zeit boten wir schon mehrere Treffen pro Woche an, um genug Platz für Neuinteressierte zu bieten. Unsere Kerngruppe von fünf besteht bis heute fort. Wir treffen uns regelmäßig über Zoom, wenn wir nicht in Indien vor Ort sind. Die intensiven Erfahrungen in diesen unseren ersten Monaten mit dem Ehrlichen Mitteilen, mehrmals pro Woche und unterstützt durch die unbeschreibliche Kraft dieses Ortes, haben offenbar vermocht, uns eng zusammenzuschweißen. Am bemerkenswertesten daran scheint mir im Rückblick Folgendes: Alle Menschen, mit denen ich in Indien Ehrliches Mitteilen praktiziert habe, haben lange Jahre der spirituellen Suche und Meditation hinter sich. Um zu meditieren, kenne ich auf der ganzen Erde keinen besseren Ort als den Ramana-Ashram in Tiruvannamalai, neben dem heiligen Berg Arunachala. Das ist auch einer der Gründe, wieso es uns dort Winter für Winter hingezogen hat. Nun machten wir jedoch die Erfahrung, dass wir durch das regelmäßige Mitteilen viel weniger Drang verspürten, mit geschlossenen Augen im Ashram zu sitzen und zu meditieren. Das Ehrliche Mitteilen war unsere bevorzugte Meditation geworden, und die tiefe Verbundenheit, die sich nach den Gruppensitzungen oft einstellte, war – auch wenn es schwer war, uns das einzugestehen – schöner als die Zustände, die wir aus dem Ashram kannten.

 

Für mich kann ich sagen, dass sie tiefer ins Herz ging. Im Rückblick würde ich sagen, dass meine Suche nach Verbindung mit dem Göttlichen gewissermaßen ein Ersatz war für die Suche nach Verbindung mit anderen Menschen, die ich wohl früh in meiner Kindheit als aussichtslos bewertet und aufgegeben hatte. Unsere Zeit in Indien endete jäh durch den Coronaschock: Plötzlich saßen wir in unseren Strandhütten in Goa fest, durften sie nicht mehr verlassen und die Essensversorgung stand auf der Kippe. Zum Glück konnten wir die dadurch aktivierten Kindheitstraumata ins Mitteilen bringen. Bevor wir mit einem Flugzeug der Bundesregierung gerettet wurden, konnten wir aber auch hier noch Menschen aus unserer Strandhüttensiedlung mit dem Ehrlichen Mitteilen in Kontakt bringen, die das bis heute begeistert anwenden und mehrtägige Treffen dazu anbieten. Zurück im Lockdown-Deutschland und geschockt von der Zeitenwende gründete ich sogleich eine Gruppe in meiner Stadt, die bis heute an demselben Wochentag und zu derselben Zeit stattfindet wie damals unser erstes Treffen in privaten Räumen – mit dem wir, wenn ich mich recht erinnere, gegen geltende Coronaregeln verstoßen hatten. 😉 Seitdem ist viel geschehen. Ich leite seit diesem Jahr Wochenend-Retreats, Online-Partys und eine Singlebörse zum Ehrlichen Mitteilen und bin in der Floating-Ausbildung bei Gopal. Das Ehrliche Mitteilen ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken, und gewissermaßen hat es mein altes Leben zerstört – oder jedenfalls Teile davon. Seitdem ich Ehrliches Mitteilen kenne, fällt es mir immer schwerer, eine bestimmte Art von unverbundener, verkopfter Kommunikation aufrechtzuerhalten. So haben sich auch einige Menschen aus meinem Leben verabschiedet. Gopal schrieb gerade auf Telegram: „E_M_ _i_s_t_ _e_i_n_f_a_c_h_ _z_u_ _k_r_a_s_s_,_ _w_i_r_k_t_ _z_u_ _s_c_h_n_e_l_l_ _z_u_ _t_i_e_f_,_ _d_i_e_ _M_e_i_s_t_e_n_ _s_i_n_d_ _a_n_s_c_h_e_i_n_e_n_d_ _n_o_c_h_ _n_i_c_h_t_ _b_e_r_e_i_t_ _d_a_f_ür_._“ Das kann ich unumwunden bestätigen. Nehmt euch in Acht vor dem Ehrlihen Mitteilen, es kann euer Leben zerstören!

Das Ehrliche Mitteilen ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken, und gewissermaßen hat es mein altes Leben zerstört.

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